Wie bleibt ein Unternehmen handlungsfähig, wenn Krisen wie Orkane heranwirbeln? Dieser Frage ist die aktuelle Ausgabe des erfolgreichen Online-Formats „Die Basi im Dialog“ nachgegangen. Christian Felten, Geschäftsführer der Basi, begrüßte dazu Silvester Siegmann, Vorsitzender des VDSI (Verband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit) und Geschäftsführer des BsAfB (Bundesverband selbstständiger Arbeitsmediziner und freiberuflicher Betriebsärzte) sowie Tanja Menting, Fachärztin für Innere Medizin und Arbeitsmedizin, Leiterin des Betriebsärztlichen Dienstes des Uniklinikums Bonn und Landesverbandsvorsitzende des VDBW Nordrhein (Verband deutscher Betriebs- und Werksärzte). Ihr Gespräch, interaktiv begleitet, stieß auf außergewöhnliche Resonanz: Rund 250 Anmeldungen zeigen, wie sehr das Thema Resilienz gerade unter den Nägeln brennt.
Ein resilientes Unternehmen sei „wie ein Schilfrohr im Orkan – es biegt sich, aber es bricht nicht. Und steht nachher wieder da wie zuvor.“ Mit diesem Bild begann Basi-Geschäftsführer Dr. Christian Felten die Diskussion und fügte an: Entscheidend sei es, sich anzupassen, während sich die Bedingungen wandeln – ob durch wirtschaftlichen Druck oder durch den Einzug Künstlicher Intelligenz in immer mehr Arbeitsbereiche. Denn: In der Krise zeigt sich erst, wie resilient ein Unternehmen wirklich ist.
Das Publikum durfte gleich mitdenken: Bei der ersten Slido-Umfrage assoziierten 68 Prozent der Teilnehmenden Resilienz zuerst mit Krisenbewältigung, dicht gefolgt von Anpassungsfähigkeit. Siegmann brachte die Sache auf den Punkt: „Es geht darum, gar nicht erst in die Krise hineinzurutschen.“ Und Menting ergänzte mit einem Bild aus dem Alltag: „Die Akkus der Beschäftigten dürfen nicht leer, sondern müssen aufgeladen sein, um Krisensituationen erfolgreich meistern zu können.“ Investition in Prävention sei der Erfolgsfaktor.
Auf Feltens Frage, woran man erkenne, wann Unternehmen denn nun resilient seien, verwies Menting auf die Pandemie als Lehrstück: Wer vorausschauend plant, wie technischer und betrieblicher Gesundheitsschutz wirtschaftlich gewinnbringend eingesetzt werden kann, ist im Ernstfall im Vorteil. Investition in technischen und medizinischen Arbeitsschutz, so ihr Fazit, ist kein Kostenfaktor, sondern ein wirtschaftliches Element Schlüsselfaktor zum Erfolg. Siegmann pflichtete bei: Arbeitsschützerinnen und Arbeitsschützer müssten frühzeitig in die Planung einbezogen werden, Resilienzplanung dürfe nicht zum Papiertiger werden – Pläne müssten „leben“, also immer wieder überarbeitet und angepasst werden. Als Testfall nannte er die Vogelgrippe, die Unternehmen schon vor Corona für den Pandemiefall hätte rüsten können.
Die neue Rolle der Expert/innen im Arbeits- und Gesundheitsschutz
Im zweiten Teil des Online-Formats ging es um den Stellenwert eines ganzheitlichen Gesundheitsmanagements, wie Menting am Beispiel Hitze/Klimawandel erörtert: Hier bedarf es nach ihren Worten eines umfassenden Hitzeschutzkonzepts in den Unternehmen, bei dem der technische, organisatorische und persönliche Arbeits- und Gesundheitsschutz berücksichtigt werden müsse. Sie nannte bauliche Maßnahmen, beispielsweise Verdunklungsmöglichkeiten, ggfs. Bereitstellung von Trinkwasser sowie eine Verlagerung der Arbeitszeiten (antizyklisches Arbeiten). Vor allem schutzbedürftige Personengruppen (Beschäftigte mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, Schwangere, Jugendliche etc.) müssten dabei beachtet werden.
Dass sich Investitionen in diesem Bereich lohnen, ist längst belegt: Studien zum Thema „Return on Invest Prevention“ zeigen, dass jeder in Arbeitsschutz investierte Euro sich um ein Vielfaches auszahlt – durch weniger Ausfälle, weniger Fehler und produktivere Mitarbeitende.
Auf die Frage nach messbaren Kennzahlen in diesem Zusammenhang antwortete Siegmann pragmatisch: nach vorne schauen und nicht Unfälle im Nachhinein erheben, sondern zum Beispiel zählen, wie viele Maßnahmen im Arbeitsschutz in einem Betrieb vorgeschlagen werden, und Mitarbeitende aktiv einbeziehen, um Ausfälle zu verhindern.
Wie wichtig Führung dabei ist, zeigte die zweite Slido-Umfrage unter den Zuschauenden eindrucksvoll: 89 Prozent sind überzeugt, dass Führungskräfte die Resilienz eines Unternehmens am stärksten beeinflussen.
Durch dieses Ergebnis sah Siegmann den Top-down-bottom-up-Ansatz bestätigt: von „oben“ gewollt und von „unten“ getragen. Führungskräfte gehen mit gutem Beispiel voran und beraten sich mit den Fachkräften und der Belegschaft zu sinnvollen Maßnahmen – erst dann fließt das Ganze in die strategischen Überlegungen des Unternehmens ein. Menting betonte, wie wichtig die Präsenz von Sicherheitsfachkräften sowie von Arbeitsmedizinern und Arbeitsmedizinerinnen im Betrieb bleibt. Siegmann pflichtete bei: Digitale Betreuung könne unterstützen, aber am Ende müsse man fühlen, riechen und schmecken, wie der Arbeitsplatz wirklich ist, um eine belastbare Gefährdungsbeurteilung abzugeben. Es gelte, dem Namen „Betriebsarzt“ vor Ort gerecht zu werden – digitale Tools könnten dabei helfen, aber nicht den Blick vor Ort ersetzen.
Felten brachte den Faktor Zeit ins Spiel: Wer hier früh investiert, spart am Ende Zeit und verhindert Fehler. Und wenn doch mal etwas schiefgeht? Dann zählt eine offene Fehlerkultur, aus der gelernt wird – ohne Schuldzuweisungen. Fachwissen bleibt laut Siegmann die Basis, doch das Berufsbild hat sich gewandelt: Früher zählte die Fachkraft für Arbeitssicherheit nach seinen Worten Feuerlöscher und lief mit Checklisten herum, heute moderiert sie, kommuniziert sie, vernetzt die jeweils richtigen Arbeitsschutzakteure im Betrieb und gestaltet Organisationen mit. Zentrale Fragen dabei: Welche Akteure und Kompetenzen braucht es insbesondere für organisationale Resilienz? Dazu zählen laut Felten etwa Arbeits- und Organisationspsychologinnen und -psychologen, die die Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärztinnen und -ärzte gegebenenfalls unterstützen. Menting widersprach an dieser Stelle, weil Betriebsärztinnen und –ärzte nicht nur aufgrund ihrer fachlichen Expertise, z. B. vorhandener Zusatzqualifikationen wie psychosomatische Grundversorgung, durchaus qualifiziert sind, diese wichtige Aufgabe in Unternehmen eigenständig übernehmen können. Das gelte insbesondere mit Blick auf die Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen, Schließlich seien es doch die Betriebsärztinnen und Betriebsärzte in Unternehmen, die Beschäftige im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge sehen, beraten und somit das „Stimmungsbild“ in den Unternehmen kennen.
Von der Wortwolke zur Praxis: Strategien für mehr Krisenresilienz
Zu Beginn des dritten Teils der „Basi im Dialog“ ließ das Publikum per Wortwolke wissen, welcher Faktor Resilienz am meisten stärkt – die Begriffe Beteiligung, Zusammenarbeit und Unternehmenskultur stachen klar heraus. Menting und Siegmann waren sich einig: Betriebliches Gesundheitsmanagement ist längst nicht nur etwas für Konzerne, sondern gerade auch für kleine Betriebe und das Handwerk entscheidend, um dort die Leistungsfähigkeit zu erhalten und bestenfalls zu erhöhen. Wichtig dabei: Menschen nicht mit dem sperrigen Begriff „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ abschrecken, sondern sie mitnehmen – damit am besten erst gar nichts passiert.
Menting riet, Prävention als integralen Bestandteil des Unternehmens zu begreifen und gemeinsam mit der ganzen Belegschaft zu überlegen, welche Faktoren wirklich gefährlich werden können. Siegmann lieferte ein Praxisbeispiel: Wer frühzeitig im Betrieb überlegt, welche Mitarbeitenden über 60 sind und demnächst ausscheiden, kann rechtzeitig dafür sorgen, dass wertvolles Wissen weitergegeben wird – und sei es bei einem Kaffee zwischendurch. Antizipative Personalführung nennt sich das.
Menting ergänzte: Es lohnt sich, in ein ganzheitliches Präventionskonzept zu investieren – auch und gerade für kleine und kleinste Unternehmen. Siegmanns Tipp dazu: rechtzeitig planen, nicht erst im Sommer über Hitzeschutz nachdenken, und zum Beispiel mit einer Hitzekarte – ähnlich einer Lärmkarte – festhalten, wo im Betrieb kühle Rückzugsorte liegen.
Auf eine Publikumsfrage, wie Unternehmen mit Krisen umgehen, die von außen kommen – Kriege, Pandemien, Wirtschaftskrisen –, war die Antwort eindeutig: Genau dafür braucht es Resilienz, die im Alltag aufgebaut wird, lange bevor die Krise da ist.
Ausblick: Der 40. A+A Kongress 2027 mit Lösungen zur Krisenresilienz
Abschließend brachte Felten die Fäden zusammen: „Arbeitsschutz als Schlüssel zur Krisenresilienz von Unternehmen – darüber haben wir heute diskutiert. Deutlich geworden ist: Resiliente Unternehmen entstehen nicht erst in der Krise. Sie schaffen die Voraussetzungen dafür bereits im Alltag, und zwar durch Prävention, sichere und gesunde Arbeitsbedingungen sowie eine gelebte Sicherheits- und Gesundheitskultur.“
Dieses Thema wird die Basi weiter intensiv beschäftigen – als Leitmotiv des 40. Internationalen A+A Kongresses 2027: „Prävention schafft Stabilität – Arbeitsschutz als Schlüssel zur Krisenresilienz“. Wer zu diesem Leitmotiv beitragen möchte, ist herzlich eingeladen, sich am Call for Participation zu beteiligen.
Hinweis Eine Aufzeichnung der Veranstaltung sowie Grafiken mit den Slido-Ergebnissen werden zeitnah veröffentlicht.

